KZ-Memoria.net
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Die Interdisziplinäre Forschungsgruppe (IFG) KZ-memoria scripta, die aus dem Salzburger Mauthausen-Projekt (FWF-Projekt) hervorgegangen ist, widmet sich der wissenschaftlichen Erforschung und gesellschaftlichen Verbreitung der veröffentlichten und unveröffentlichten Erinnerungstexte von Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager (siehe Projekte ).
 
Grundlage ist der Bestand des am Fachbereich Romanistik in jahrelanger Sammeltätigkeit entstandenen und international einzigartigen Mauthausen-Archivs von mehr als 200 Texten (insgesamt 20 000 bis 30 000 Seiten) in italienischer, französischer und spanischer Sprache. Das Archiv wird derzeit um Erinnerungstexte in weiteren – insbesondere slawischen - Sprachen auch zu anderen Konzentrationslagern ergänzt.

Die Bedeutung des mittlerweile abgeschlossenen FWF-Projekts zu den Erinnerungstexten aus Mauthausen liegt darin, dass erstens ein umfangreiches Textkorpus, das in der einschlägigen KZ- und Holocaust-Forschung bisher weder erfasst noch bearbeitet wurde, zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung gemacht wird, dass zweitens die wissenschaftliche Auswertung einen neuen und differenzierteren Blick, der das einzelne Individuum, den einzelnen Häftling hervorhebt, auf die Lagerrealität in Österreich ermöglicht, dass drittens die Lagererfahrungen der KZ-Opfer aus ganz Europa in dem Kulturraum, in welchem sie gemacht wurden, zu Bewusstsein gebracht werden. 

Der besondere Ansatz des Projekts besteht in der hermeneutischen Frage nach der besonderen ‚Textualität’, die mit dem Erinnern, Erzählen und Verschriftlichen einer existentiellen Grenzerfahrung wie der des Lagers verbunden ist. Die Untersuchung des Korpus richtet ihr Augenmerk nicht so sehr auf das, was die Autoren sagen, als vielmehr auf die Art und Weise, wie (d.h. unter Zuhilfenahme welcher Sprache, Rhetorik, Bilder, Muster usw.) sie etwas sagen, von dem sie annehmen, dass es nicht nur ihre eigene Ausdrucksfähigkeit, sondern auch die Verstehensmöglichkeit ihrer Leser überfordert. Dieser Ansatz ist insofern neu, als er mit den Instrumenten der Literaturwissenschaft auf die Herausforderung des ‚linguistic turn’ der Geschichtswissenschaft antwortet und gleichzeitig die literaturwissenschaftliche KZ- und Holocaust-Forschung aus ihrer Fixierung auf einige wenige Texte der ‚hohen’ Literatur (etwa Kertesz, Semprún, Wiesel u.a.m.) löst. Das Mauthausen-Archiv ist auch deshalb einzigartig, weil es Texte aller Gattungen, vom Dokument bis zum Gedicht oder Roman, umfasst.